Audi Cabriolet 2.0, Baujahr 1995, Mingblau-Perleffekt

 

Dies war das neumodischste Auto das ich mir je kaufte. Das konnte ja nicht gutgehen...

Anfang 2000. Nachdem der 300TD mich so bitter enttäuschte, brach eine Art automobiler Midlife-Crisis bei mir aus. Immer nur so alte Chaisen.... verpasse ich womöglich etwas? Gibt es eventuell doch auch Fahrgenuß diesseits der Baujahrsgrenzen, an denen oldtimer- oder wenigstens altersbedingte Liebhabereien enden?

Natürlich kam, wenn schon ein "neues" Auto, kein schnöder Standard in Frage. Kein vernünftiger Kombi und auch keine noch so toll ausgestattete Limousine. Nein, ein Cabrio sollte es nun sein! Eigentlich stand soetwas schon lange auf meiner Wunschliste, jedoch scheiterte die Erfüllung immer daran, dass ein (schönes) Cabrio in Kombination mit Oldtimerstatus grundsätzlich nicht mit meinem Kontostand harmonierte.

Allerdings war es auch trotz festem Einkommen nicht so, dass ich mir nun einfach im nächsten Laden ein schickes Kabriolett aus dem Katalog bestellen hätte können. Gut, hätte ich wohl schon, aber dann mit einem Finanzierungsplan. Das jedoch kam und kommt überhaupt nicht in Frage. Autos werden gekauft und sofort voll bezahlt, ohne Schuldenmacherei, basta. Wie schnell ist ein Auto unfallbedingt futsch und dann steht man da, ohne Auto aber mit Schulden - nee nee! So machen wir das hier bei uns nich...

Folglich schaute ich mich nach unbedachten Gebraucht-Zweitürern um. Schon bald fiel die Wahl auf das Audi Cabriolet, das zwar schon ab Werk erhebliche Mängel aufweist (z.B. Frontantrieb) aber eine recht ansehnliche Linienführung innehat und je nach Farbkombi auch echt chic daherkommt.

Und so kaufte ich schlussendlich ein 1995er Audi 2.0 Cabriolet aus erster, münchener Damenhand, mit gerade 24.500km auf dem Tacho. Dunkelblaumetallic ("Mingblau-Perleffekt" im Audi-Sprech), mit 5-Ganggetriebe,  elektrohydraulisch betätigtem, blauem Stoffverdeck (nur 25 Sekunden für Öffnen/Verschließen - wow!), Teillederausstattung, Sitzheizung, Holzapplikationen ("Sunset-Edition") und sehr gefälligen Speichen-Alufelgen. Nur das Radio wollte die Vorbesitzerin behalten, warum auch immer. Ok, macht ja nix, denn auch ich hatte das sehr gute Blaupunkt Arizona mit 10-fach CD-Wechsler aus dem 300TD behalten: das kam nun den Audi.

Ja, damit konnte man sich schon sehen lassen! Auch, dass es "nur" die kleinste Motorisierung war, tat dem Cabriogenuß keinen Abbruch, die 115PS wirkten nicht schwächlich oder überfordert. Insbesondere Autobahn-Schnellfahrten mit 160-180km/h, offen versteht sich, waren eine wahre Wonne. Nebeneffekt: man hat immer ein aufgeräumtes Auto, da fliegt nix (lange) drin herum was da nicht hingehört! Auch plötzlich einsetzende Regenschauer konnten so bei einem gewissen Tempo "unterfahren" werden, ohne dass Fahrer oder Polster nass werden. Nur ein Mal als der Regen immer stärker wurde und zum Platzregen mutierte, hat das nicht mehr geklappt. Wahre Bäche strömten über alle Scheiben ins Innere und der nötigen Temposteigerung legte die Physik im Form von Aquaplaning einen Riegel vor. Also musste ich notgedrungen auf den Standstreifen und den Verdeckschließknopf betätigen. Und da merkt man dann wie lang 25 Sekunden doch werden können...

Meine damalige Freundin lebte auf Sylt und so kamen recht schnell recht viele, eilige Kilometer zusammen. Und obwohl es fast nur Langstrecken-Kilometer waren, bekam das wohl dem Getriebe nicht, sodass es bei Tachostand 40.000 den Dienst quittierte. Hallo?! Alles Intervenieren und Insistieren (selbst den ADAC und die AutoBild hatte ich unterstützend eingebunden) half nix: Audi verweigerte jede Form von Kulanz unter Berufung auf die abgelaufene Garantiezeit. Also durfte ich für gut 4.500 DM(!) ein neues Getriebe einbauen lassen... Mit Audi bin ich seither "durch". Aber das dicke Ende kommt erst noch...

Mittlerweile hatte es mich beruflich in die Südheide verschlagen. Am 18.06.2001 gegen 13:10 Uhr holte ich in der Mittagspause mein Auto aus der Werkstatt im benachbarten Schwarmstedt ab, wo ich eine Inspektion hatte machen lassen und die etwas hängende Fahrertür nachgestellt wurde.

Die Lindenbäume blühten in voller Pracht, gerade hatte es einen kurzen Sommerregen gegeben - aber was sich idyllisch liest war -vermutlich- der Anfang vom Ende des Audis. Kurz vor einer Brücke über die Aller macht die Straße eine Kurve, und genau dort brach das Heck plötzlich aus. Nicht gerade ein typisches Verhalten für einen Fronttriebler, selbst wenn man zu schnell in die Kurve fahren würde. Deswegen glaube ich bis heute, dass der Lindenblütensaft der bekanntlich in nicht geringer Menge von eben jenen Bäumen tropft, sich mit dem just gefallenen Regen zu einer rutschigen Schicht vermengte und mein Wagen deshalb heckwärts ins Schleudern geriet. Wie auch immer, jedes Gegensteuern half nichts mehr, ich krachte mit der vorderen rechten Ecke in die Leitplanke. Zum Glück stand direkt dahinter ein Baum der das Durchbrechen/Überwinden der Planke verhinderte. Denn sonst wäre ich geradewegs in die Aller geflogen und wer weiß, ob ich dann diese Zeilen hier noch hätte schreiben können. So aber schleuderte der Wagen herum und prallte mit dem rechten Hinterrad seitlich gegen den hohen Bordstein auf der Brücke, was dem Wagen quasi das Genick brach.

 

Ich kam mit einem Schock und leichtem Schleudertrauma davon, das Cabrio hingegen war mausetot. Der erste Treffer auf die Ecke und dann der zweite auf die Hinterachse sorgten für völligen Verzug der Karosserie, da war nix mehr zu retten, kein Spaltmaß stimmte mehr. Das Kapitel meiner Auto-Biographie mit den Attributen "neumodisch" und "Cabrio" war schlagartig zuende und letztlich nur eine kurze, wilde Episode. Er wurde meistbietend über die Versicherung (zum Glück Vollkasko)  verhökert, die auch den angerichteten Flurschaden beglich und so kam ich -abgesehen vom Thema Getriebeerneuerung- auch finanziell unbeschadet davon. Nicht zuletzt auch dadurch, dass das Restwertgutachten sehr wohlwollend ausfiel. Mutmaßlich weil die Audivertretung Schwarmstedt in der Hoffnung auf einen Neukauf bei ihnen war. Die Enttäuschung, als ich wegen einer Formalie später nochmals zu ihnen musste und mit meinem Neuen, einem goldenen 280SE von 1968 auf den Hof fuhr, war ihnen jedenfalls anzumerken.... Und das Radio samt 10fach-CD-Wechsler habe ich mir auch noch ausgebaut. Letzterer war zwar durch den Seitenaufprall defekt, aber da steckten ja noch für 250 Mark CDs drin!

Kleines Schmankerl zum Schluss: während der verunfallte aber noch zugelassene Wagen dort auf dem Hof stand, wurden ihm die Nummernschilder geklaut. Sie tauchten wieder auf, ein paar Tage später: auf der Autobahn Richtung Holland an einem gestohlenen Wagen. Schade, ich hätte sie gerne wie die meisten anderen  Nummernschilder als Deko in meine Halle gehängt.

Ach, und noch eine wirklich letzte Anekdote: etwa 1 Jahr später bekam ich einen Anruf von einem unbekannten Herrn. Dieser hatte sich gerade ein Audi Cabriolet gekauft und wollte sich ein bisschen bei den Vorbesitzern erkundigen, nur interessehalber. Denn so wenige Kilometer und angepriesenen, unfallfreien  Topzustand etc. habe es ja auch nicht zum Schnäppchenpreis gegeben, nicht wahr. Nun, was ich dem Herrn erzählen und anhand des Schadensgutachtens belegen konnte, gefiel ihm dann nicht so recht, verständlicherweise....

 

Schade drum, trotz Allem! Noch heute schaue ich gerne einem gepflegten Audi Cabriolet hinterher, vor allem, wenn es in Dunkel-, äh, Mingblau-Perleffekt lackiert ist.