Mercedes-Benz 200D/8, W115, Baujahr 1976, Weizengelb

Oder war´s Mimosengelb? Würde besser passen, denn diese Kiste hatte so ihre Empfindlichkeiten...

Frühsommer 1991. Ich hatte gerade meine Studienplatz-Zusage aus Mönchengladbach erhalten und freute mich auf den neuen Lebensabschnitt "fern" der Heimat. Naja. Zumindest immerhin so fern, dass ich leider nicht jeden Abend in der Heimat bei meiner Liebsten sein konnte. Mein Ford 15M war von 1,5 Jahren Alltagsbetrieb zwar gänzlich unbeeindruckt geblieben, aber die nun anstehende Beanspruchung wollte ich ihm trotzdem oder gerade deshalb nicht zumuten. Laternenparken in einer Großstadt sowie Langstrecken-Pendelverkehr mit nervösem Gasfuß an jedem Wochenende hätten den frisch renovierten Wagen im Zeitraffer verschleißen und vergammeln lassen. Das ging nicht. Ein Schlorren vom Dienst musste her. Und was fuhr man so als Student seinerzeit?

Richtig: Strichachter-Benz! So gerade noch. Denn auch der Nachfolger W123  war inzwischen schon in nennenswerten Stückzahlen vor Wohnheimen und Mensen anzutreffen. Aber für mich war ein Diesel-/8 halt DER Studentenwagen schlechthin. Nur eben nicht mehr so einfach vom Landwirt nebenan für ein paar Hunderter zu ergattern wie noch 5 Jahre zuvor. Am Ende wurde ich nahe Hannover fündig und ließ mir einen blassgelben 200D, 55PS, Bj. 9/76 andrehen. Eigentlich sollte es unbedingt ein früheres Baujahr sein, mit Ausstellfenstern, Bakelitlenkrad, glatten Rückleuchten, schmalerem Grill etc. Und ein Schiebedach war selbstverständlich ein Muss! So wollte ich das Studentenleben gediegen genießen.

Diese Mimose jedoch hatte nichts von Alledem. Spätes = unschöneres Modell, schlimme Farbkombi (innen Stoff braun) und keinerlei Ausstattung, nichtmal Kompression. Letzteres fiel mir allerdings erst viel später auf, ebenso die Farbnebel überall dort wo sie nicht hingehören weil vom Vorbesitzer derbe gebraten und gespachtelt.  Ich kaufte diesen murksigen Wagen wohl einerseits aus Blindheit, Blödheit (war schon warmgefahren vor der Probefahrt), und aufgrund einer gewissen Torschlusspanik (der Semesterbeginn stand kurz bevor) für per se nicht günstige 4.000 DM und ließ ihn mit frischem TÜV auf die Nummer LIP-VV 59 zu.

"Mimose" passt deshalb so gut weil sie mangels eben jener Kompression bei Außentemperaturen unter 5° (Plus!) praktisch nicht zum Anspringen zu bewegen war. Not macht erfinderisch. Irgendwann fand ich heraus, dass ein Anwärmen der Ölwanne zum Paradoxon, nämlich dem Ziel des Starts führte. Fortan führte ich immer eine Eiswürfelschale aus Alu sowie eine Pulle Brennspiritus mit. Spiritus entflammt / qualmt nicht so auffällig...

Stand also ein Kaltstart nach schattiger Nacht an, stellte ich zunächst die fingerhoch gefüllte Schale unter die Ölwanne, zündete den Spiritus an und wartete einige Minuten bis der Spiritus vollständig verbrannt war. Dann sprang der olle Diesel meist unwillig aber an, mit etwas Georgel. Im Winter konnte man das Prozedere allerdings gerne mehrfach wiederholen. Morgens in einer schmalen Seitenstraße mitten in M'gladbach und unter Entwicklung einer gewaltigen Diesel-Rußwolke, die sofortiges Wegfahren also Verschwinden im Nebel als unbedingt angebracht erscheinen ließ.  Was hab ich den Benz dafür gehasst... Allerdings wenn er dann mal lief, lief er wirklich stoisch rund und machte die Wochenendtouren zu einer sehr entspannten Angelegenheit. Mir fiel nur auf, dass er so alle halbe Stunde mal einen tiefen Schluck aus der Ölwanne durchzog. Dabei platzierte er dann jeweils eine beeindruckend konsistente Nebelbank auf der A2, wie ich -sogar nachts(!)- im Rückspiegel beobachten konnte.

Eines Tages ging dann aber gar nichts mehr. Es war im Heimatort und ich wollte ihn anlassen aber nichts drehte sich. An der Öltemperatur lag es somit ausnahmsweise nicht, aber auch sonst fiel kein Fehler auf. Es schien ein mechanischer Defekt im Inneren zu sein. Mein Vater schleppte mich dann in die 20km entfernte MB-Werkstatt in Bad Pyrmont, wo dann festgestellt wurde, dass sich Anlasser und Schwungscheibe ineinander unerbittlich verbissen und entsprechenden Zahnverlust davongetragen hatten. Die fälligen Implantate aus dem Originalteileregal sowie deren Einbau forderten finanziellen Tribut in gepfeffertem Ausmaß, und so hatte ich die Schn... voll von diesem Hobel. Es folgten lange Wochen, nein, Monate erfolglosen Feilbietens bis ich ihn für alptraumhafte 2.200 DM losschlagen konnte.

Mein Vater war ebenfalls not amused, fühlte sich in seiner Meinung zu Autos und alten Karren im Speziellen bestätigt und "zwang" mich, auf den 1991er Golf II meiner Mutter umzusatteln. Dieser konnte mit 60PS-Turbodiesel und lackiert in einem Helltürkismetallic nicht den kleinsten Hauch Coolness ausstrahlen. Ein mager ausgestatteter "CL" obendrein.

Wobei, er hatte immerhin ein Schiebedach! Und sprang immer an. Und fuhr einfach.

Man will ja nicht undankbar sein.

 

 

 

Eigentlich sah er ganz gut aus.

 

 

 

 

 

 

Eigentlich.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fuhrpark, anno 1992.

Nicht schlecht für 'nen Studenten.

 

 

 

 

 

Ach, letztlich war´s doch gar nicht so schlimm...